Unterwegs mit Matrose

Vor einiger Zeit hatte ich einen verrückten Traum. Ich ging in Aachen durch ein Café. Links saßen Menschen an Bistrotischen, rauchten, tranken, aßen, redeten, gestikulierten, rechts eine Reihe von Pflegebetten mit entspannt lächelnden Menschen in fröhlich geblümter Bettwäsche, auf ihren Nachttischen Schnabeltassen. Ich wunderte mich, denn eine Pflegestation in einem Café – das kam mir sehr futuristisch und unrealistisch vor. Ich sagte allen freundlich nickend Tschüss und stieg durch das Hinterhoffenster der Kneipe nach draußen, wo ein kleiner Junge in einem altmodischen Matrosenanzug wartete. Seine Kappe saß schrägt auf dem blonden Kopf und die Bänder an seiner Kappe wippten im Wind. Er nahm mich bei der Hand, zog mich zu einer hektisch schnaufenden Dampflok, die auf Zuggäste wartete und sich schräg gegenüber der Kneipe, die ich gerade verlassen hatte, befand. Ein Schaffner in altmodischem Anzug blies auf einer Trillerpfeife. Einsteigen bitte. Der kleine Matrose zog mich auf die Treppe eines Waggons. Ich zögerte und sagte ihm, dass ich keine Fahrkarte hätte; es womöglich Ärger und eine Geldstrafe geben würde. Er antwortete mir, dass ich keine Fahrkarte brauche. Falls der Schaffner dennoch fragen sollte, würde er das für mich klären. Ich vertraute ihm, obwohl er ein alleinreisendes Kind war und als Matrose zur See nicht recht in einen Zug passte. Der Waggon war besetzt mit Menschen, die ihrer Kleidung nach zu urteilen aus einer anderen Zeit kamen, abwesend vor sich hinschauten, keine Notiz von uns nahmen und darauf warteten, dass sich der Zug endlich in Bewegung setzte. Nach einer Weile rollten wir los. Ich blickte aus dem Fenster. Dörfer und Landschaften zogen schemenhaft an uns vorbei, während wir schwiegen und uns immer wieder interessiert und verstohlen von der Seite her anschauten. Nach einiger Zeit – ich war mir schon sicher, dass keiner mehr die Fahrkarten kontrollieren würde – hörte ich die schneidende Stimme des Schaffners: Fahrkartenkontrolle! Ich schaute den kleinen Matrosen hilfesuchend an, während er mit seiner kindlichen Stimme selbstbewusst antwortete: Sie fährt auf meinem Ticket mit. Ich war erstaunt und beeindruckt , als der Schaffner „Gute Reise“ wünschte und abzog, ohne das Ticket des kleinen Matrosen zu überprüfen. Wir fuhren und fuhren und fuhren – wie aus Zeit und Raum gefallen – bis eine Stimme ertönte: Bahnhof Würselen. Aussteigen bitte. Die Lok machte eine Vollbremsung, Türen wurden aufgerissen. Der kleine Matrose setzte seine Mütze wieder auf und nahm mich ruhig bei der Hand. Ich folgte ihm wie selbstverständlich, ohne zu fragen, warum es hier jetzt rausgeht. Und ich weiß noch, wie sehr ich mich im Traum wunderte, dass die Reise von Aachen nach Würselen selbst für diese uralte Lokomotive so unglaublich lange gedauert hatte.  Das hätte ich den kleinen Matrosen, der plötzlich verschwunden war, noch gerne gefragt. Ich stand auf Gleis 2, Bahnhof Würselen. Ich war wieder im Jetzt, in meiner Zeit und meinem Tempo und ging zu Fuss weiter. An einen Ort, den ich noch nicht kannte.

Margit Umbach

Bild: Estella