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Freiheit

Die Freiheit ist ein wundersames Tier
Und manche Menschen haben Angst vor ihr
Doch hinter Gitterstäben geht sie ein
Denn nur in Freiheit kann die Freiheit Freiheit sein

(Georg Danzer)

….heisst es in einem Lied des Liedermachers.

 Justizvollzugsanstalt Aachen. Wir treffen uns  am 3. April mit den Männern und der ev. Seelsorgerin Sabine zum Abschlussgottesdienst „Entlassbank“ und werden ein letztes Mal durch die schweren Türen geschleust. Und ich habe nach vielen vergeblichen Anläufen doch noch gelernt, dass Drücken, Ziehen oder Rütteln nicht hilft, sondern hier immer nur andere entscheiden, ob eine Tür aufgeht oder nicht.

Die Männer trudeln nach und nach in den hellen Multifunktionsraum ein, der Sonntagsmorgen zur Kapelle wird. Die Glasfenster, in denen sich das morgendliche Sonnenlicht bricht, tauchen den Raum in bunte Farben, von denen auch die vor dem Altar stehende Entlassbank eine satte Dosis „non permanent rainbow color“ abbekommt . Sabine hat den Gottesdienst gemeinsam mit Pierre Willy vorbereitet, der seine Hausarbeit über das Projekt in der JVA abgegeben hat und strahlt. Eine sehr intensive Zeit mit vielen überraschenden und schönen Momenten findet jetzt ihren Abschluss. Der richtige Anlass, Gott, der ev. Seelsorgerin und damit auch der JVA und den Männern Danke dafür zu sagen, dass wir zwei Monate lang Gast hier sein durften und das „wundersame Tier Freiheit“ aus einer ganz anderen Perspektive kennenlernen konnten. Von den 6 Männern, die von Anfang an dabei waren, sind N., P. und J. geblieben, S., H. und M. konnten/durften aus unterschiedlichen Gründen nicht mehr mitmachen und sind auch nicht zum Gottesdienst zugelassen. Dafür sind jedoch heute andere Männer gekommen, die aus Deutschland, Afrika und osteuropäischen Ländern stammen, sowie zwei JVA-Beamte, die für Sicherheit sorgen und vielleicht auch noch aus einem anderen Grund hier sind.  Seitlich von unserer Bank eine große Marienikone auf einem Ständer. Das ist wie ein deja-vue für mich, bin ich doch am Vortag aus Serbien zurückgekommen, wo ich viele solcher Ikonen in opulenten goldverzierten orthodoxen Kirchen und Klöstern gesehen habe und nun – ganz unerwartet hier – in einem ökumenischen Gefängnisgottesdienst.  Die Männer gehen zur Ikone, zollen ihr mit einem laut gesprochenen Mariengebet Verehrung und zünden schmale, gelbe Kerzen an. Dann gehen P., J., N., Yasmin, Pierre-Willy, Johannes und ich nach vorne. Wir erzählen nacheinander, warum und wie wir zusammengefunden haben und wie diese Zeit für uns gewesen ist. Es erfolgt eine Lesung aus dem Matthäusevangelium. Sie erzählt vom Dienen und Herrschen. Groß ist nicht der, der herrscht, sondern der, der dient und seine Macht und Möglichkeiten ohne Anspruch auf Belohung für seine Leistungen zum Wohl der Anderen einsetzt. Ein starkes Stück und ein brandaktuelles Thema für uns alle, und insbesondere für die Machthaber dieser gerade aus den Fugen geratenen Welt. Sabine macht daraus eine wort-und inhaltsstarke Predigt, eine Predigt, die allen nahe geht und an einigen Stellen von den Männer mit kurzen Zurufen kommentiert wird. Der Gottesdienst geht mit einem schönen Gitarrensolo von Johannes zu Ende. Vorerst zum letzten Mal stehen wir draußen bei Kaffee, Keksen und Zigaretten beisammen in einem gepflegten, fast idyllischen Innenhof, während eine Entenfamilie, die regelmäßig in der JVA brütet, fröhlich zwischen Beet und Gehweg hin und her watschelt. Ein friedliches Bild. Die Enten kommen gerne und freiwillig in den Knast, wo sie von den Männern beschützt und gefüttert werden. Über uns die Gitterfenster mit ihren Obstauslagen und sicherlich dahinter ein paar Männer, die uns neugierig beäugen. Nach der kleinen Pause noch einmal Versammlung an der ehemaligen Walheimer Kirchenbank, aus der eine wortreiche, bunte Entlassbank geworden ist, die nun den jüngsten Teil ihrer langen Kirchengeschichte erzählt, auf ihre alten Tage einen anderen Job übernimmt und Ausblick auf die Freiheit geben will. „Wenn ich dann irgendwann drauf sitze am letzten Tag und raus komme, sagt N., werde ich zurückschauen und mich an die Zeit mich euch erinnern, die echt mein Herz bewegt hat“.

Auf der Bank schlängelt sich symbolisch der Weg, auf dem wir uns begegnet sind. Wir haben in einem wilden Materialmix auf sie gezeichnet, mit dem Brennpeter gearbeitet, mit Farbe gepinselt und Bilder darauf angebracht.  J.mochte die Arbeit mit dem Brennpeter, in die er sich fast meditativ versenken konnte. Er hatte die Idee, den Spruch „Gott schütze dieses Haus und alle die da gehen ein und aus“  auf eine Seitenwange als Spruchtafel einzubrennen. Ein starkes Wort eines Inhaftierten für das Haus, das ihm letztlich seine Freiheit nimmt – wenn auch aus guten Gründen. An anderer Stelle das künftige Entlassdatum von N. und das Anfangs- und Enddatum unserer gemeinsamen Zeit. P. hat auf die Rückseite eine Zeile aus einem Songtext geschrieben: „Dieser Weg wird kein leichter sein“ und das Wort Frieden in den ukrainischen Nationalfarben auf die Gebetbuchablage geschrieben. N. schreibt sich und den anderen für die Zeit der Entlassung auf die Bank: Behalte Deine Herzenswünsche im Blick. Und als Belgier in Französisch: Versuche, gut zu überlegen, bevor Du deine Entscheidungen fällst. An zentraler Stelle hat jemand in himmelblau das Wort „Freiheit“ geschrieben. Daneben: Jesus.

Ja, die Freiheit ist ein wundersames Tier….

Meine Gedanken schweifen in den Krieg, zur Ukraine, wo die Freiheit verteidigt wird und nach Russland, wo man sie einsperrt. Das blau geschriebene Wort erzählt von Dienern des Volkes, die sie verteidigen und von Herrschern, die sie kreuzigen. Sie ist ein hohes Gut und der gottgegebene Raum, in dem wir uns für das Gute oder das Böse oder für irgendwas zwischendrin entscheiden können. Il faut prendre…  Und es schmerzt und schmeckt bitter, wenn sie abhanden kommt.

Zeit vorerst Tschüss zu sagen. Wir haben als Abschiedsgeschenk für die sechs Männer jeweils ein Kreuz gekauft, das sie erst bei ihrer Entlassung bekommen, weil man es als harten Gegenstand zweckentfremden und damit jemanden sehr verletzen kann, falls man die Absicht dazu hat – wie sooft schon vorgekommen in Kirche und Gesellschaft. Was sie draußen damit tun, gehört dann in den Bereich ihrer freiheitlichen Entscheidung. Yasmin hat Fotos ausgedruckt, sodass jeder jetzt schon sieht, welches Kreuz wir für ihn ausgesucht haben und wir ihm sagen können, warum.

P. sagte bei einem der letzten Treffen, dass er meist vergessen habe, dass er im Knast sitze, wenn wir zusammen waren. Dasselbe galt auch für uns als Besucher*innen. Ein kleiner „Freiheitsraum“, der für ein paar Stunden zwischen Gefängnismauern entstanden ist. Wie die Freiheit sich für die Männer nach ihrer Entlassung gestaltet, hängt ab von den Entscheidungen, die sie treffen und von vielen anderen Randbedingungen. Wir wünschen ihnen alles erdenklich Gute und die Kraft, von der Bank aus mit der Kraft von oben und der Unterstützung guter Menschen in ihrem Umfeld einen neuen Weg zu starten.

Wir durften aus verständlichem Grund (mit Ausnahme des Gottesdienstes) keine Fotos machen. Einige wenige sind hier zu sehen. Demnächst auch als „podknast“ Der link dazu erscheint nach Fertigstellung auch auf dieser Seite.

Unser herzlicher Dank geht an Sabine Reinhold für die Begleitung in diesem „ökumenisch-caritativen“ Projekt, den inhaftierten Männern und den fleißigen Podknastfilmern, der JVA Leiterin, meinem freundlichen Bekannten und JVA-Beamten Ralf Quix, der den Erstkontakt hergestellt hat, und last but not least unserem „Bankbeschaffer“ und hilfreichen Unterstützer aus Walheim, Dieter Hennes, stvd. KGV-Vorsitzender der GdG Himmelsleiter!

Margit Umbach