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Im Grunde gut

…ein faszinierendes mutmachendes Plädoyer des niederländischen Autors und Historikers Rutger Bregman dafür, dass der Mensch an sich gut ist und nicht Egoismus menschlichen Fortschritt ermöglicht hat, sondern Kooperation und Kommunikation. Eine provokante These, wollen uns doch die falschen Propheten unserer Zeit täglich das Gegenteil weismachen: Ich zuerst. Deine Meinung interessiert mich nicht.  Ich nehme mir, was ich will. Misstraue. Hasse. Lüge. Nur so komme ich, nur so kommst du, nur so kommen wir weiter.

Rutger Bregmans weist anhand von Beispielen aus Psychologie , Ökonomie, Geschichte etc. nach, dass unsere Vorstellungen vom Wesen des Menschen auf falschen Voraussetzungen beruhen. Er wagt den Ausblick auf die radikale Idee, dass die meisten Menschen gut sind und die Welt gerechter und menschlicher machen können. Die sich daran anschließende  Frage lautet, wie wir es schaffen können, Gesellschaften zu entwickeln, in der sich Menschen „zum Guten, d.h. zu mehr Hilfsbereitschaft und Gemeinsinn“ motivieren lassen.

Die Botschaft, die vom Weihnachtsfest ausgeht, liefert die Antwort darauf:  trotz aller Exzesse, schlechter Nachrichten, Hiobsbotschaften, skrupelloser Autokraten, vermeintlicher Heilsbringer an das Gute im Menschen zu glauben, Nächstenliebe und Menschlichkeit im Alltag zu leben, sich auf Positives, d.h auf die Möglichkeit der „Menschwerdung“ – wie Jesus sie von der Krippe bis zum Karfreitag vorgemacht hat – zu besinnen.

Am Ende jeden Jahres erinnert das Fest des Friedens und der Liebe an die Voraussetzung, die es für die Umsetzung von Frieden und Liebe braucht: das Gute, das wir alle in uns tragen. Wir finden es in uns selbst, wenn wir danach suchen und bei Anderen, wenn wir für sie aufmerksam sind. Und nicht zu vergessen: Es ist uns von Gott weihnachtlich und ganz persönlich in unsere eigene Wiege gelegt worden. Wir sollten die Wahrnehmung für das Gute schärfen, uns davon anstecken lassen, es multiplizieren und überall davon erzählen, damit es für die kommenden 365 Tage reicht und vielleicht auch darüber hinaus.

“Berlin is tough but sincere. Be nice to each other” – eine Durchsage in einer U-Bahn in Berlin.  Schräg gegenüber von uns sitzt ein obdachloser Mann. Er trägt ein dünnes, zerfetztes Hemd und wippt auf seinem Sitz vor und zurück. Auf dem Boden vor ihm füllt sich langsam eine kleine Pfütze mit Urin. Es stinkt so krass, dass ich mir meinen Schal vors Gesicht halte. Betretene bis gleichgültige Gesichter um uns herum. Maximale Abgrenzung zwischen ihm und uns. Bei nächsten Halt steht er auf. Ich sehe, dass er barfuss ist und einen riesigen, von Geschwüren verkrusteten Fuss hinter sich her zieht. Er entschwindet unseren Blicken ins nächtliche Berlin. Wir fragen uns, wo der Mann wohl die kalte Nacht verbringt, während unsere U-Bahn an einem schwerkranken Obdachlosen ohne Wundversorgung und Zuwendung vorbeirauscht. Eine trostlose Situation, die uns augenblicklich in Schockstarre verfallen lässt. So beschäftigen mich der verfaulende Fuß und der dazugehörige Mensch noch den ganzen Abend lang, nichtsahnend, dass wir am kommenden Tag auf einen identischen Fuss als Feuchtpräparat unter dem Namen Sarkom (Knochenkrebs) in der Medizinischen Ausstellung der Charité treffen.

 Ich stehe vor der Vitrine und da ist er wieder, der obdachlose, kranke U-Bahnfahrer von gestern abend. Ich denke an ihn und auch an meine Bekannte B., die schwer erkrankt ist. Sie weiss um die Knappheit ihrer noch zur Verfügung stehenden Lebenszeit, setzt sich jedoch noch für die Einrichtung eines Hopizes für kranke und sterbende Obdachlose in unserer Stadt mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln ein. Putzt Klinken unter großem Kraftaufwand. Eine ansteckende Liebesbotschaft an Weihnachten 2025 und darüber hinaus.

The world is tough but sincere. Be good to each other. Und erzählt davon.

Margit Umbach

Bild: privat

Leseempfehlung: Rutger Bregmann: Im Grunde gut – eine neue Geschichte der Menschheit