In Allem

“Es gibt mit (an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit) keinen Gott. Ein erfülltes Leben braucht keinen Glauben.”  So die Aufschrift auf einem Berliner Bus. Eine Aktion am Brandenburger Tor im Jahr 2009, ins Leben gerufen von überzeugten Atheisten. Die meisten Menschen in Deutschland würden vermutlich in diesen Bus einsteigen.

Ein Student sitzt auf einer Treppe nahe der Bank. Er fällt mir auf. Ich glaube, es ist einfach die Art und Weise, wie er dort sitzt.  Sehr konzentriert und mit einer Aufmerksamkeit, die nicht auf die Bank gerichtet scheint, aber mich doch irgendwie erreicht, sodass ich ihn anspreche. Wir vertiefen uns in ein längeres Gespräch. Und landen schließlich bei der Frage: Gibt es Gott und macht der Glauben an ihn Sinn? Mein Gesprächspartner hat wenig Berührung mit Glaubensthemen, hinterlässt uns aber eine Antwort in Form eines klugen und schönen Gedichtes im Gästebuch. Ein ganz besonderer Bankmoment.

In Kummer und Schmerz

Euphorie und Exzess

Im gleißenden Licht

Und dunkelstem Abgrund

Im Fragen und Entdecken,

Lieben und Begehren

In allem oder keinem

Ist Gott

Wir wissen nicht, ob es Gott gibt – und Wahrscheinlichkeiten spielen in diesem Kontext sowieso keine Rolle.

Aber falls es ihn gibt, ist er in allem.

Im Kummer und im Schmerz der Menschen nach der Jahrhundertflut,

in der Euphorie der Helfenden für die Geschädigten,

im Exzess einer Natur, die aus dem Ruder läuft

im gleißenden Licht der Sonne über den Trümmerhalden

im dunkelsten Abgrund des Verlustes,

im Fragen nach dem Warum,

im Entdecken einer überwältigenden Solidarität mit den Opfern der Flut,

in der Liebe von Familie und Freunden, die trägt, wenn das Wasser bis zum Hals steht

und im tiefen Sehnen nach Normalität, nach Zuhause, nach zur Ruhe kommen.

Eine tröstliche Vorstellung.  Mir fällt dazu der Film „Life of Pi -Schiffbruch mit Tiger“ ein. Auf der Schiffsüberfahrt von Indien zur USA erleidet ein junger Mann nach einem Unwetter Schiffbruch auf hoher See. Als einziger Überlebender, der bei dem Unglück seine ganze Familie und den familieneigenen Privatzoo verliert, wird er nach einer langen Odysee auf dem offenen Meer wie durch ein Wunder gerettet. Zuhause angekommen, erzählt er einem Reporter eine abenteuerliche Überlebensgeschichte von der gemeinsamen Reise mit einem gefährlichen und unberechenbaren Tiger im Boot auf hoher See, der ihn durch alle Höhen und Tiefen seines Überlebenskampfes sicher an Land begleitet habe. Eine unglaubwürdige Geschichte und sehr unwahrscheinlich.  Sie löst sich am Ende in der Frage auf, welche Rettungsgeschichte die bessere und sinnvollere ist.  Die mit oder ohne Tiger.  Wer den Film gesehen hat, wird vielleicht sagen: Es macht Sinn, an die Geschichte mit Tiger zu glauben, denn das ist die bessere, hoffnungsvollere Geschichte. Denn der Glaube an Gott – egal an welchen – kann das Leben sehr viel tröstlicher machen.

In allem oder keinem ist Gott – so die letzte Zeile des jungen Poeten. Ich wähle für mich die erste Version: einen Gott, der in allem ist. Mittendrin. Ein verlässlicher Gott, der auch in Naturkatastrophen bei den Menschen ist, der manchmal bedrohlich und nicht berechenbar erscheint, aber doch immer da ist. Der die Welt mit uns aushält. In allem.

Vor einigen Jahren fuhren Aseag-Busse durch Aachen. Darauf war zu lesen: You never walk alleng. Die Liverpooler Stadion-Hymne kombiniert mit Öcher Platt. Da würden wohl auch die meisten einsteigen. Macht Sinn –  ein erfülltes Leben mit Gott.

Margit Umbach

Photo: Wolfgang Hasselmann on unsplash