Long train running

Bahnhof Düren. Drehscheibe. Herr Flücker vom Stadt-Museum schließt für uns die umzäunte denkmalgeschützte Anlage auf, die wie das ganze Gelände des Bahnhofs seit 1989 unter Denkmalschutz steht und aufgrund ihrer Lage am Inselbahnhof einzigartig in Deutschland ist. Hier mussten die damaligen Lokomotiven, die nur vorwärtsfahren konnten, für die Rückfahrten auf der Drehscheibe gedreht werden – ganz früher durch die Betätigung einer Handkurbel, später durch Elektroantrieb. Nach 1995 wurde sie nicht mehr genutzt, 2013 unter Denkmalschutz gestellt und vom Stadtmuseum Düren renoviert.

Ein freundlicher Gast der Bahnhofsmission unterstützt Michael dabei, unsere Kirchenbank auf diese Drehscheibe zu tragen. Rechts und links von uns Gleise und Bahnsteige, wo Menschen warten, auf ihre Handys oder ins Weite schauen, ankommen und abfahren. Über unseren Köpfen ein sonniger Herbsthimmel und in unseren Ohren das Zischen, Pfeifen und Rattern ein- und ausfahrender Züge, welches sich mit den melodisch-weichen Gitarrenklängen von Lutz Tellmann auf diesem kleinen musealen, charmantem Platz in der Nähe der Bahnhofsmission auf Gleis 1 wie in einem experimentellen Orchestersound vermischt.  Zunächst stehen wir etwas verloren auf der Scheibe und schauen uns um. Und mir fallen dabei ein paar Strophen aus einem meiner alten Lieblingssongs der Doobie Brothers ein: „Long train running“ :

Down around the corner
Half a mile from here
You see them long trains runnin’
And you watch ’em disappear

Without love
Where would you be now?
Without love

You know I saw Miss Lucy
Down along the tracks
She lost her home and her family
And she won’t be coming back

Song auf youtube:

https://www.google.com/search?client=firefox-b-d&q=Long+train+running+youtube

In Düren gibt es viele Menschen wie Miss Lucy, die von Armut betroffen sind. Manche von ihnen halten sich am Bahnhof auf. In der Bahnhofsmission gibt’s immer einen Kaffee, und wenn nötig, auch mal ein paar klare Hinweise, eine Dusche, einen Platz zum Aufwärmen und weiterführende Hilfen von Karin Zettler und ihrem Team. Ein Besucher ohne Obdach schaut bei uns vorbei und macht den Vorschlag, auf der Drehscheibe zu grillen. Würstchen grillen an einer Kirchenbank auf dem Bahnhof: Warum eigentlich nicht, denke ich..Wenn‘ s denn satt macht!

Eine Frau, schlecht gekleidet, mit einigen Plastiktüten, freut sich über das Obst, das Michael ihr schenkt. Eine andere Frau, die auf ihren Zug wartet, erzählt mir, dass sie Geburtstag hat. Sie folgt uns auf die Drehscheibe und Lutz spielt für sie ein von ihm selbstkomponiertes Stück als Geburtstagsständchen, das von einem Schloss und einer Auenlandschaft in der Nähe ihres Wohnortes handelt. Sie freut sich über das unverhoffte Konzert an der Bank und steigt im Anschluss daran in ihren Zug. Ein junger Mann aus Berlin erzählt von seiner schwierigen Familie, seiner neu entdeckten Liebe fürs Land und von seinem Nicht-Glauben. Es entsteht ein kurzes und interessantes Gespräch, bei dem er sich etwas unschlüssig eine unserer Postkarten nimmt und weiterfährt. Es wird zunehmend kälter und langsam Abend. Die untergehende Sonne zieht rosafarbene Schlieren in einen tiefblau werdenden Abendhimmel, der von den Oberleitungen des Schienennetzes durchschnitten wird. Ein junger Mann in Latzhose möchte zur Gitarrenmusik singen und funktioniert eine Dose als Mikrofon um. Aus zwei Worten: „Menschen“ und „Liebe“ komponiert er beim Singen in zwei Minuten einen kompletten Songtext und Lutz die Musik dazu. Bahnhofspoesie und Sound auf der Drehscheibe an der Kirchenbank. DANKE DAFÜR!

Die Drehscheibe hat ihre ursprüngliche Funktion verloren. Sie erzählt einem Publikum, das sich für Lokomotiven und Bahnhöfe interessiert, von einer Zeit, die lange vorbei ist. Man kann die bewegliche Scheibe, die Anschlüsse und Richtungswechsel erlaubt, aber als Plattform und Ausgangpunkt neu entdecken. Dazu muss man sie anders begreifen und nutzen. Sie kann ein Modell sein. Für Kirche heute. Mittendrauf und drin.

Margit Umbach